Salisbury Plain

Ein Traum in Weiß, Blau und Blassgelb. Eine weite, sanft geschwungene Bucht, umgeben von grandioser Bergkulisse. Gespickt mit abertausenden kleinen dunklen Punkten – das ist Salisbury Plain. Die kleinen Punkte, in der Landschaft verstreut, sind Hunderttausende Königspinguine. Eine riesige Kolonie, deren Rufe herüber schallen. Der Wind hat etwas nachgelassen.

Wir machen das Dinghi klar – Routine schon fast – und setzen an Land über.

Zahlreiche Seevögel sind am tiefblauen Himmel unterwegs: von den großen Riesensturmvögeln bis hin zu den kleinen, flatterhaften Terns, die versuchen, kleinen Krill aus dem Wasser zu fischen. Sowohl die Arctic, als auch die Antarctic Terns sind zu beobachten. Dies kleinen, zarten Vögel brüten jeweils an den beiden extremen Enden der Welt: die Arctic Terns in der Arktis, die Antarctic Terns hier im Süden. Zwischen den jeweiligen Brutsaisons fliegen die einmal um die halb Welt. Kaum vorstellbar. Man kann sie gut unterscheiden: die jeweils brütenden Vögel sind gut am roten Schnabel zu erkennen – jetzt in diesem Fall hier in Südgeorgien also die hier brütenden Antarctic Terns. Die derzeit hier zu beobachtenden Arctic Terns haben einen schwarzen Schnabel, da sie hier nicht ihr Brutgebiet haben.

Am langgezogenen Strand reiht sich eine Kolonie Seeelefanten an die andere. Nur wenige, vielleicht hundert Meter dazwischen. Es müssen Hunderte oder Tausende sein.

Die meisten Weibchen haben ihren Nachwuchs dich neben sich liegen, wenige Tage alt, mit schwarzen Fell und im Vergleich zu den ausgewachsenen Tieren klitzeklein.

Sie unterhalten sich bellend, rufend, blökend.

In der Mitte des Harems, oft nahe der Wasserlinie, liegt meist der Pascha, der größte, dominanteste Bulle. Oft liegen an den Rändern zwei weitere, jüngere Bullen, die nur darauf warten, sich in den Harem zu drängen, sollte sich eine Gelegenheit ergeben. Oder die es einfach mal versuchen. Dann setzen sich diese drei, vier Tonnen pure Masse erstaunlich schnell in Bewegung, um den Eindringling in die Schranken zu weisen. Dabei walzt der Pascha rücksichtslos über alles, was im Weg ist – leider manches Mal auch ein kleines Kalb.

Die Pinguine, die ungeniert zwischen den daliegenden Kolossen umher spazieren, sind schnell genug, stieben im Fall eines heran walzenden Bullen schnell auseinander und nehmen keinen Schaden.

Oft reicht diese drohende Geste, verbunden mit einem weit aufgerissenen Maul, aufgeblähter Nase und wütendem Schnauben, und der dreiste Versuch wird abgebrochen.

Manchmal ist der Mut aber groß genug und es entspinnt sich ein Kampf zwischen den beiden Bullen. Dabei geht es nicht gerade zimperlich zu: die tonnenschweren Tiere richten sich hoch auf, werfen sich und ihre riesigen Schädel einander entgegen, versuchen sich gegenseitig Bisse zuzufügen. Solange, bis der schwächere nachgibt und das Weite sucht und der Sieger erschöpft in seinem Harem niedersinkt und mit einem tiefen Schnauben ausruht. Die Spuren dieser oft blutigen Auseinandersetzungen sind jedem der Bullen anzusehen.

Am östlichen Ende der Bucht steigt der Geräuschpegel merklich an vom vielstimmigen Rufen aus Hunderttausenden Pinguinkehlen. Und es herrscht viel Verkehr. Aus allen und in alle Richtungen sind sie unterwegs – innerhalb der Kolonie, am Wasser, im Wasser, hinein und heraus, bis weit hinter ins Tal oder von diesem kommend. Es ist ein unfreiwillig komisches Bild, wie sie – ob allein oder in Gruppen – etwas unbeholfen laufen, taumeln, stolpern, ausrutschen, sich wieder aufrappeln … und sie haben durch ihre Art etwas zutiefst menschliches. Oder zumindest meint man, dies ab und an zu erkennen.

Dicht aneinander gedrängt stehen sie innerhalb der Kolonie, farbenprächtig, Tier an Tier, recken die Köpfe, beäugen uns. Zwischendrin liegt ab und an ein einzelner Seeelefant.

Weiter hinten, oben im Tal ist der Teil der Kolonie mit der Kinderstube, mit ihren Küken. Braun, flauschig und so ganz anders aussehend, als die elegante Version der erwachsenen Tiere, nehmen sie eine riesige Fläche ein.

So viel Leben auf einem kleinen Fleck! An solch einem entlegenen Winkel der Erde. Wahrscheinlich geht dies nur genau aus diesem Grund zusammen. Weil der Mensch hier weitestgehend nichts zu melden hat, nicht hierher gehört?

Und so ziehen auch wir uns wieder zurück an Bord.

Der Abend kündigt sich in zartem Pastell am Himmel an und ergießt sein wunderbares Licht über diese einmalig schöne Landschaft. Es wird eine klare Nacht. Ein schmale Mondsichel hängt über der Silhouette der Bergkette. Und mindestens genauso viele Sterne wie Pinguine hier in Salisbury Plain beginnen am Nachthimmel zu funkeln. Die Sterne, die Rufe der Pinguine und die Geräusche der Seeelefanten begleiten uns durch eine ansonsten ruhige Nacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert