Was für ein Morgen!
Ich habe meine erste Wache von vier bis acht. Kurz nach fünf taucht die Sonne achteraus aus dem bleigraublauen, wogenden Meer. Die See ist rau und wunderschön, die Wellenberge und Täler hoch und die Dünung – aus etwas anderer Richtung laufend – bilden eine konfuse See. Ein Paar Sootie Albatrosse umkreist die Selma im partnerschaftlichen Synchronflug. Schöner kann der Tag nicht beginnen.
Die zweite Nacht Drift liegt hinter uns. Südgeorgien ist noch zu nah und damit die Möglichkeit, auf Eisberge und Growler zu treffen, noch immer gegeben. Den letzten großen Eisberg und seine kleinen Begleiter haben wir gestern Nachmittag passiert.
Eigentlich haben wir Vollmond. In einer wolkenlosen Nacht bei ruhigeren Bedingungen wäre eine volle Fahrt unter Segeln durchaus möglich. Aber der Himmel war dicht bewölkt, weder Mond noch Sterne, die etwas Licht ins Dunkel hätten bringen können. Die Chance, bei 4 bis 5 Meter Welle Growler rechtzeitig zu erkennen ist gleich Null und bei 30 bis 35 Knoten Wind mit entsprechend schneller Fahrt durch die Nacht zu rauschen zu risikoreich. Und so haben wir erneut beigedreht und uns treiben lassen, sind während der Nacht 26 Meilen nach Norden gedriftet.

In der Nacht haben wir die Gewässer Südgeorgiens verlassen und die antarktische Konvergenz passiert. Von nun an wird es wärmer. In den letzten 24 Stunden ist die Wassertemperatur von 2,4 auf 4,4 Grad gestiegen.
Um halb sechs setzen wir unsere Fahrt fort. Das back stehende Vorsegel wird wieder auf die richtige Seite über geholt, das Großsegel wieder gesetzt und wir steuern auf Steuerbordbug unter Kutter, Groß und Besan weiter in Richtung Nordwest. Wir haben noch immer guten Wind zwischen 25 und 30 Knoten und machen gute Fahrt zwischen 6 und 9 Knoten. Aber auch eine etwas konfuse See mit circa viereinhalb Meter Welle. Leider sind daher noch immer einige seekrank in ihrer Koje.


Während des Tages werden wir immer wieder von verschiedenen Seevögeln begleitet:
Cape Petrels, Giant Petrels, White-chinned Petrels, die kleineren Prions und Shearwaters oder die ganz kleinen Storm-Petrels.
Und natürlich von den großen, eleganten Ozeanseglern – den Albatrossen. Die schönen Schwarzbrauenalbatrosse, Light-mantled Sootie, Sootie, seltener Greyheaded Albatrosse umkreisen immer wieder die Selma, gleiten in rasend schnellem Flug wendig über Wellenberge und durch Wellentäler, stehen manchmal fast im Flug neben uns, dass man meint, sie fast berühren zu können. Sie begleiten uns ein Stück und verschwinden dann wieder in der Weite des Ozeans. Es ist faszinierend, ihnen zuzuschauen und für mich sind diese Begegnungen auf See immer wieder aufs Neue sehr besondere, berührende Momente.
Am Abend habe ich erneut vier Stunden Ruderwache. Der Wind ist mittlerweile gleichmäßiger geworden, hat sich um die 22-25 Knoten eingependelt und die Selma steuert sich fast mühelos durch die See. Es ist zwar kalt, aber ich genieße die Stunden allein am Ruder in vollen Zügen. Lasse die Gedanken schweifen – zurück nach Südgeorgien, nach vorn in Richtung Falklands und in die Ferne zu meinem Liebsten. Glück mischt sich mit Sehnsucht. Beides hat Platz hier und beansprucht seinen Raum, beides ist manchmal grenzenlos – wie die Weite des Ozeans.
Und so gleite ich hinein in die Dunkelheit und die Nacht – der Mond bleibt erneut unter einer Wolkendecke verborgen – verabschiedet erneut von einem Paar Sootie Albatrosse, zum Greifen nah, in deren Augen sich all dies widerspiegelt.















