Hope Point

Ein schöner und besonderer Moment.

Ich sitze auf einer Bank – vermutlich der einzigen in ganz Südgeorgien – und schaue hinaus aufs Wasser. Die Bucht King Edward Cove, in der Grytviken liegt, ein Teil der Cumberland East Bay. Sonne und Schatten wechseln im Sekundentakt, ein kräftiger, böiger Nordwest-Wind jagt die Wolken über den Himmel und Wellen über die stahlblaue Wasseroberfläche. Dunkelbraun, rötlich schimmernd wogt das Kelp in Ufernähe unter der Oberfläche, leuchtend weißgelb, fast blendend im Sonnenlicht strahlen die dichten Büschel des Tussock Grases. Ein wunderbarer Farbkontrast zum tiefen Blau des Wassers und der sich dahinter erhebenden zackigen Bergkette, teils noch schneebedeckt.

Die Bank steht am Hope Point, einem Hügel am Ausgang der Bucht, in der die ehemalige Walfangstation Grytviken liegt.

Hinter mir steht ein Kreuz (eine Replik, das Original befindet sich in Dundee im Museum), errichtet nach dem Tod Ernest Shackletons, der am 5. Januar 1922 an Bord der Quest hierher auf dem Weg nach Südgeorgien verstarb, von seinen Kameraden. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht liegt der kleine Friedhof der Station.

Hier wurde der Boss, wie ihn seine Männer nannten, begraben. Zu seiner rechten liegt Frank Wild, treuer Begleiter auf drei gemeinsamen Expeditionen und Shackletons „Right Hand Man“. Shackleton hat mit fünf weiteren Männern den Weg von Elephant Island an Bord der James Caird hierher angetreten, um Rettung für seine 22 verbliebenen Männer zu organisieren. Frank Wild war es, dem es auf Elephant Island gelang, all jenen Zurückgelassenen die Hoffnung auf Rettung und sie somit am Leben zu erhalten. Beides jeweils ein Kunststück und eine Folge unbändiger Willenskraft und Entbehrung, die sich heutiger Vorstellung eigentlich entzieht.

Auf dieser Bank hier zu sitzen, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, ist etwas besonderes. Nirgends sonst in Südgeorgien darf man sich einfach so irgendwo auf den Boden setzen, um diesen zu schützen. Und Bänke gibt es sonst nicht.

Ich genieße es, hier zu sitzen. Zu schauen, die Gedanken kreisen zu lassen. Diese Zeilen zu schreiben – trotz kalter Finger. Begleitet von den pfeifenden Geräuschen des Windes und dem vielstimmigen Rufen und Bellen der direkt unterhalb ansässigen Kolonie Seeelefanten.

Shackletons Grab

Gestern Abend auf dem kleinen Friedhof allein am Grab Shackletons zu stehen, war ebenfalls ein besonderer und emotionaler Moment. Ohne ihn – Ernest Shackleton – wäre ich, wären wir nicht hier. Er und seine Geschichte, die der Endurance Expedition und der spektakulären Rettung seiner gesamten Mannschaft, die hier in Südgeorgien ihren Anfang und ihr Ende hatte, ist einer der Hauptgründe meines lang gehegten Traumes, nach Elephant Island und hier an diesen Ort segeln zu wollen. Anlass, diese Reise auf die Beine zu stellen. Diesen Ort mit eigenen Augen sehen und spüren zu wollen.

Bewegt stand ich gestern dort. Mich verneigend vor diesem Mann, seinem Right Hand Man, all den anderen an Bord der Endurance und ihrer Leistung.

Dankbar, es hierher geschafft zu haben und für dieses Privileg, hier sein zu können.

Dankbar denen, die an diese Idee geglaubt haben, jetzt mit mir hier unterwegs sind und dieses Vorhaben mit ermöglicht haben – meinem Team, meiner Crew: Piotr, Voy, Alejo, Unda, Karen, Moira, Claire, Alan, Jan, Brian, Darek. Dankbar der Selma, unserem starken Schiff und den Göttern der Winde und des Meeres. Dankbar nicht zuletzt und vor allem all jenen zuhause, die mich unterstützt und bestärkt haben und die jetzt meine lange Abwesenheit mittragen.

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